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Niedersächsischer Geschichtslehrer Verband

5. Fachdidaktische Tagung, 4./5.2.2016, Tagungsbericht

5. Fachdidaktische Tagung, 4./5.2.2016, Tagungsbericht

Der Tagungsband zu dieser Tagung ist im Juli 2016 im Wochenschau-Verlag erschienen und zum Preis von 24,80 € im Buchhandel erhältlich. Als E-Book ist er ebenfalls verfügbar. Nähere Informationen finden Sie HIER.

 

Unterlagen der Workshops anlässlich dieser Tagung finden Sie HIER.

 

Zu dieser zweitägigen Tagung, die wie schon vor zwei Jahren in der „Akademie des Sports“ unweit der HDI-Arena stattfand, waren fast 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gekommen. Leider konnten nicht alle Kolleginnen und Kollegen, die gern gekommen wären, teilnehmen, da in ihren Schulen gerade zu diesem Zeitpunkt Elternsprechtage stattfanden.

Insgesamt war es eine sehr informative Tagung, die den politikwissenschaftlichen mit dem historischen Zugriff verband.

Den Begrüßungs- und Einleitungsvortrag hielt der frühere Kultusminister, Landtagspräsident und jetzige Vorsitzende des niedersächsischen Landesverbandes des Volksbunds Prof. Rolf Wernstedt.

Er verwies darauf, dass der Vorbereitungskreis für diese Tagung über Flucht und Vertreibung vom Anschwellen des Flüchtlingsstroms selbst überrascht wurde, was dieser Tagungsthematik zusätzliche Aktualität verliehen habe. Es gelte Fremdenfeindlichkeit angesichts der deutschen Geschichte grundsätzlich zurückzuweisen. Dabei sei es entscheidend, deutlich zu machen, dass es keine Kompromisse auf Kosten der Prinzipien und Werte des Grundgesetzes geben könne. Die Verbindung von historischen und politikwissenschaftlichen Vorträgen verweise darauf, dass es sehr wohl einen wichtigen Beitrag historischer Erkenntnisse zur Lösung heutiger Flüchtlings-Probleme gebe.

 

Anschließend hielt der Historiker Prof. Jochen Oltmer (Universität Osnabrück und Vorstandsmitglied des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien) den ersten Hauptvortrag. Er gab eine Übersicht über Flucht, Vertreibung und Migration und ihre Ursachen. Seine Ausgangsfrage war: Warum wandern Menschen? Suche nach Chancen, Flucht vor Gewalt und Flucht vor Katastrophen sind nach Oltmer die drei Hauptursachen. Unter Gewalt fallen für ihn Kriege, die auch die Mittel bieten, Vertreibungen zur Herrschaftssicherung durchzuführen. Dazu gehören nationale Homogenisierungsprojekte, die in Ängsten um die eigene Identität als Nation begründet sind. Die Bundesrepublik hat das Recht auf Asyl im Grundgesetz verankert. Daher ist die Aufnahme von Flüchtlingen nicht in das Ermessen der Politik gestellt, sondern selbst eingegangene Verpflichtung, die durch zahlreiche historische Erfahrungen des eigenen Landes begründet ist. Zum ersten Mal ist die Bundesrepublik Deutschland Ziel einer globalen Fluchtbewegung. Dies sei begründet durch den Zusammenbruch der Vorfeldsicherung nicht nur der EU, sondern auch der Bundesrepublik. Vor allem habe der demographische Wandel und der starke Fachkräftemangel in Deutschland sowie das Lastenungleichgewicht des Dublin-Abkommens den Willen zur einfachen Zurückweisung von Flüchtenden schwinden lassen.

 

Matthias Beer vom Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde in Tübingen referierte über die deutsche Nachkriegszeit als Lagergeschichte. Lager seien all die provisorischen Wohn- und Übernachtungsanlagen, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts einen immer größeren Stellenwert erhalten hätten. Diese Lager habe es weit über 1945 hinaus bis in die späten 60er Jahre hinein gegeben. Die Lagergeschichte habe mit den Kriegsgefangenenlagern für Millionen von Gefangenen im Ersten Weltkrieg begonnen. In der NS-Zeit sei das Lagerwesen in großem Stil ausgebaut und nach Funktionen differenziert worden. Über Kinderlandverschickungslager, Wehrertüchtigungslager, Arbeitslager und erste Konzentrationslager sei man im Krieg an den Aufbau von Durchgangs- oder Umsiedlungslagern, Zwangsarbeiterlagern und weiteren Konzentrations- bis hin zu Vernichtungslagern gegangen. Nach dem Krieg blieben viele dieser Lager erhalten als Internierungs- und Umerziehungslager der Siegermächte. Vor allem wurden sie benötigt als erste Unterkunft für die Flüchtlinge und Vertriebenen, die in einer Gesamtzahl von 14 Millionen aus Ostdeutschland und Südosteuropa ins Land strömten. Diese Form der Lagerunterbringung kennzeichnete die britische Zone, während die Amerikaner in ihrer Zone auf eine schnellere Unterbringung in privaten Unterkünften drangen. Manche Lager wurden zu Dauerlagern. 1955 existierten über 3000 Lager aller Größen in der Bundesrepublik, die von mehr als 400 000 Menschen bewohnt wurden. Sie standen unter kommunaler Verwaltung und stellten die klassische Form der Nichtlösung der Flüchtlingsfrage dar. Noch 1974 lebten ca. 75 000 Menschen in Restwohnlagern, bevor 1975 die letzten Lager aufgelöst wurden, was durch den Fortschritt des sozialen Wohnungsbaus ermöglicht wurde. Die moderne Form des Lagers, so Beer, sei der Wohncontainer. Wegen der belastenden Vorgeschichte werde die Bezeichnung als Lager heute vermieden.

 

Die weiteren Referate befassten sich mit der Flüchtlingssituation der Gegenwart. So sprach Maren Koß vom GIGA Institut für Nahost-Studien in Hamburg unter dem Titel „Kalifat des Schreckens“ über den Terror in Syrien, Irak und Afrika. Dabei ging auch sie von den historischen Wurzeln aus, die im Fall von Syrien und Irak im damaligen Osmanischen Reich gelegen haben, bevor die Siegermächte des Ersten Weltkriegs auf der Konferenz von San Remo 1922 eine völlig willkürliche Grenzziehung vorgenommen hätten. Hintergrund des heutigen Terrors sei die über Jahrzehnte andauernde völlige Unterdrückung jeglicher Opposition sowohl in Syrien wie im Irak gewesen. Heute sei die Situation durch das Verhalten der verschiedenen Akteure auf dem politischen Feld sehr unübersichtlich. Auf diese ging die Referentin im Folgenden näher ein, um dann auch die weiteren nahöstlichen und nordafrikanischen Staaten einzubeziehen.

 

Prof. Hannes Schammann aus Hildesheim setzte diese aktuelle Betrachtung fort mit seinem Referat über den Umgang mit Flucht und Asyl im internationalen Vergleich. Er sprach von einem liberalen Paradoxon, das darin bestehe, dass die demokratischen Staaten einerseits die Grenzen für Warenströme öffneten, andererseits aber dem Menschenzustrom enge Grenzen setzen. So gebe beispielsweise Australien einem eng bemessenen Kontingent an Flüchtlingen Raum, grenze aber alle weiteren Asylsuchenden aus, ohne der Menschlichkeit Raum zu geben. Die Vertreibung von Flüchtlingsbooten auf hoher See durch Kriegsschiffe („push back“) zeige dies schlaglichtartig. Von einer Implementation der GFK (Genfer Flüchtlingskonvention von 1951) sei Australien weit entfernt. Schon 1921 habe es eine Vereinbarung des Völkerbundes gegeben. Damals wurde ein Hoher Kommissar eingesetzt  (Fritjof Nansen, daher der „Nansen-Pass“ von 1922 für staatenlose Flüchtlinge). Spanien habe im Vergleich wenig Infrastruktur zur Aufnahme von Flüchtlingen entwickelt. Fast alle Anstrengungen, so Schammann, seien in die Grenzsicherung der nordafrikanischen Exklave geflossen, die von Asylsuchenden belagert werde.

Deutschland hingegen sei durch sein Aufholen in den Integrationsanstrengungen zum internationalen Vorzeigeland avanciert. Debattiert werde dabei über Identität, Sicherheit und Wirtschaft.

Bevor am Abend die Podiumsdiskussion über die Bewältigung des Flüchtlingsproblems in Niedersachsen mit maßgebenden Vertretern der Politik, des Flüchtlingsrates, des Städtetages und der Schulen begann, wurden den Teilnehmer(innen) Zahlen und Fakten zur aktuellen Lage in Niedersachsen durch Vertreter des Innen- und Kultusministeriums sowie des Flüchtlingsrates vorgestellt.

Der Vortrag von Alina Tiews vom Hans-Bredow-Institut für Medienforschung in Hamburg stellte gleichsam ein Zwischenformat zwischen beiden Vortragsblöcken dar. Unter dem Titel „Vom Heimatfilm zum Dokudrama“ stellte die Referentin Heimatfilme der 50er Jahre mit deutlichem Vertriebenen-Bezug, Historienfilme der 1970er und 1980er Jahre, aber auch Dokudramen der 2000er Jahre vor und zog einige Interessante Schlüsse aus dem Vergleich.

 

Den zweiten historischen Teil am Vormittag des folgenden Tages eröffnete Prof. Jan Piskorski aus Stettin mit seinem Vortrag über „Die Verjagten“ in Orientierung an seinem gleichnamigen, auch auf Deutsch erschienenen Buch (als Taschenbuch 2015). Er stellte das Thema „Flucht und Vertreibung“ auf europäischer Ebene dar und unterlegte seinen Vortrag mit zahlreichen Fotos. Es fiel auf, wie stark die heutigen Bilder den damaligen Bildern glichen. Beginnend mit dem Ersten Weltkrieg wurden griechische, spanische, russische, belgische Fluchtszenarien geschildert, um dann in einem übernationalen Vergleich zu  den auffallenden Gemeinsamkeiten von Flüchtenden zu gelangen. So ließen sich Rückentwicklungen in atavistische Verhaltensmuster beobachten. Gleichgültig um welches Land es gehe, fehle den zuständigen Behörden oft ein kritisches Bewusstsein im Zusammenhang mit den Flüchtenden. So gut wie alle schleppten zu viel Gepäck mit, das später weggeworfen die Wegränder säume. Überall seien die Frauen die leitenden Personen unter den Flüchtenden. Überall vollzögen sich Ausgrenzungen gegenüber den Flüchtlingen.

 

Den Spezialfall eines Lagers aus der deutschen Lagergeschichte, wenn auch auf dem heutigen Staatsgebiet Polens in Oberschlesien, stellt die Geschichte des Lagers Lamsdorf/Łambinowice dar. Der Verfasser des Vortrags, Prof. Edmund Nowak aus Oppeln,  war eigens mit dem Nachtbus aus Oppeln angereist. Ihm lieh der besseren Verständlichkeit wegen Marcin Wiatr vom Georg-Eckert-Institut in Braunschweig die Stimme. Lamsdorf war ursprünglich ein russisches Kriegsgefangenenlager aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Das Lager wurde nach langer deutscher Lagergeschichte im Herbst 1945 unter polnischer Regie für Kriegsgefangene, NS-Personen und deutsche auszuweisende Zivilpersonen reaktiviert. Der Beginn liegt z.T. noch vor der Potsdamer Konferenz. In dieser Zeit wurde Lamsdorf wie viele andere Lager (1000 bis 2000 Lager in Polen) in den Ostgebieten als sogenanntes Wildes Lager geführt. Viele Lager hatte der NKWD initiiert und führte dort auch die Aufsicht. Die Todesrate war enorm hoch, so dass einer der Augenzeugen, der Lamsdorfer Lagerarzt Dr. Heinz Esser, von der „Hölle von Lamsdorf“ sprach. Nowaks Buch „Schatten von Łambinowice: Versuch einer Rekonstruktion der Geschichte des Arbeitslagers in Łambinowice in den Jahren 1945 – 1946“, dt. 1994, schildert die Verhältnisse im Detail. Die meisten Toten unter den bis zu 20 000 Insassen waren Frauen und Kinder. Erst im Oktober 1946 wurde das Lager aufgelöst. Die Täter wurden in Polen und in Deutschland vor Gericht gestellt.

 

Dr. Andreas Kossert von der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) referierte zur Frage der Integration. Sein Buch „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (2008) ist bei diesem Referat im Hintergrund präsent. Seine These war: Die eigene Geschichte kann Empathie für heutige Flüchtlinge wecken. Seine zweite These: Der Verlust von Heimat ist traumatisch. Seine dritte These: Deutschland hat enorme Massen an Vertriebenen aufgenommen; diese waren der Motor der Modernisierung. Kossert erwähnt Brandenburg als Beispiel, das heute 6.000 Flüchtlinge aufgenommen habe: Damals seien es über 600 000 gewesen. Dies müsse den heutigen Deutschen die Furcht vor den Flüchtlingen nehmen.

 

Nach einem akademischen Gespräch mit Prof. Michele Barricelli und dem Politikwissenschaftler Prof. Dirk Lange, das vom dem Geschäftsführer des Volksbundes Roland Behrmann moderiert wurde, gingen die Teilnehmer wie schon am Vormittag wieder getrennt nach Historikern und Politikwissenschaftlern in verschiedene Bereiche auseinander.  Der Berichterstatter ist genötigt, auf einen Bericht zu den politikwissenschaftlichen Teilen zu verzichten, da er dort nicht anwesend sein konnte. Es folgten ein Workshop zu Flucht und Vertreibung im Geschichtsunterricht der Sekundarstufe I (anhand eines ausgearbeiteten Unterrichtsentwurfs), das von unserem Mitglied Dr. René Mounajed und Katharina Stephenson geleitet wurde, sowie ein Vortrag über Unterrichtsmaterialien zum Oberstufenunterricht über Flucht und Vertreibung im Vergleich, das der Berichterstatter vor dem Schlussresümee dieser Tagung hielt.

 

Insgesamt wird man feststellen können, dass sich die Teilnahme an dieser Tagung gelohnt hat.

 

Dr. Martin Stupperich

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