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Niedersächsischer Geschichtslehrer Verband

Zentraltagung 2014 in Hannover

Zentraltagung 2014 in Hannover

Für den Niedersächsischen Geschichtslehrerverband stellte die traditionelle Herbsttagung in Hannover in diesem Jahr gleich mehrfach einen Neubeginn dar. Erstmals fand die Tagung im angenehmen Ambiente des Leibnizhauses der Universität Hannover, in unmittelbarer Nähe zum bisherigen Tagungsort, dem Historischen Museum, statt. Im Leibnizsaal fanden 140 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Platz. Buchner-, Klett- und Westermann-Verlag hatten ihre Stände im Untergeschoss aufgebaut, wo die Schülerfirma „Freaky Kitchen“ der IGS Mühlenberg zugleich ein leckeres Catering-Angebot bereit hielt.

Zugleich war es die erste Tagung, deren Organisation ganz in den Händen des neuen Vorstands lag. Das Tagungsprogramm bestand aus drei Vorträgen. Vormittags ging es um das neue Zweitsemesterthema „Flucht, Vertreibung und Umsiedlung im Umfeld des Zweiten Weltkrieges“, während der Referent des Nachmittages, der Berliner Politologe Herfried Münkler, sich dem Viertsemesterthema „Mythen“ widmete. Auf die traditionellen Workshops des Nachmittags wurde in diesem Jahr angesichts der Aussicht, mit Münkler einen so profilierten Redner gewonnen zu haben, verzichtet.

Dr. Ingo Eser (Köln) begann seinen Vortrag über „Zwangsmigration von Deutschen und Polen im Kontext des Zweiten Weltkrieges. Hintergründe und Folgen“ mit einer kritischen Sichtung der Begriffe. „Zwangsmigration“ habe sich als sperriger Terminus nicht durchgesetzt. Was darunter zu verstehen sei, sei unscharf. Hier konkurrierten die Phänomene einer dauerhaften Umsiedlung, Deportation, Verschleppung und Repatriierung. Eingeschrieben sei dem Begriff jeweils der politische Charakter des Zwangs. Ein Quellenbegriff sei „Zwangsmigration“ nicht. „Transfer“ sei früher häufig verwendet worden, werde heute aber als verharmlosend empfunden. In Deutschland dominiere bis heute die Wendung „Flucht und Vertreibung“, in Polen spreche man eher von „Abschub“, ohne dass sich um diese Begriffe noch eine dogmatische Diskussion ranke. Gegenüber der Möglichkeit, aus den je unterschiedlichen Perspektiven eine europäische Erinnerung zu konstruieren, blieb Eser skeptisch. In Polen fühle man sich für Flucht und Vertreibung der Deutschen nach 1945 nicht zuständig und verantwortlich. Die polnische Narration stelle die eigene Umsiedlung aus den polnischen Ost- in die ehemals deutschen Gebiete in den Vordergrund.

Eser stellte dann eine ganze Reihe von Zwangsmigrationen im Umfeld des Zweiten Weltkrieges vor. In der sogenannten „Polenaktion“ des Jahre 1938 wurden Juden aus Deutschland nach Polen ausgewiesen. Als Polen die Aufnahme verweigerte, blieben viele Juden im Niemandsland stecken. Dies war Anlass für den Pariser Botschaftsmord, der dann von den Nationalsozialisten zum Anlass für die Pogromnacht des November 1938 genommen wurde.

Auch die politischen Überlegungen zur Umsiedlung sogenannter „Volksdeutscher“ begannen bereits vor dem Krieg. Die deutschstämmige Bevölkerung in Osteuropa sahen die Nationalsozialisten als potenzielle Siedlungsmasse an. Mit der Festlegung der Brenner-Grenze zwischen Deutschland und Italien wurden die Südtiroler vor die Alternative zwischen einer Umsiedlung ins Reich oder der Italianisierung gestellt. Die Reichsregierung entwarf Pläne, sie auf der Krim anzusiedeln. Ein Drittel der ins Reich umgesiedelten Südtiroler kehrte nach dem Zweiten Weltkrieg in ihre Heimat zurück.

Mit dem Beginn des Krieges gerieten dann weitere Kreise in den Blick. Noch 1939/40 wurden die Wolhynien-, Galizien- sowie die Baltendeutschen umgesiedelt, später die Deutschen in Kroatien. Man siedelte sie in den annektierten Gebieten Polens an, z.B. im Warthegau, und vertrieb die dort ansässige polnische und jüdische Bevölkerung. Insgesamt mussten 534.000 Polen das Warthegau verlassen. Von hier nahm auch die Deportation der Juden in Ghettos ihren Anfang, weil man angesichts des Zieles einer „ethnischen Flurbereinigung“ nicht wusste, wohin man sie schicken sollte. Heinrich Himmler wurde zum „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“ ernannt. Der „Generalplan Ost“ sah eine deutsche Besiedlung Europas bis zum Ural vor; die slawischen Bauern sollten hinter den Ural abgeschoben, ein kleiner Teil von ihnen als rechtlose Arbeitskräfte im Gebiet links des Urals verbleiben. Die Ansiedlung deutschstämmiger Bevölkerung im Gebiet des polnischen Zamość wurde aufgrund wachsender Untergrundtätigkeit polnischer Widerstandskämpfer im Laufe des Krieges aufgegeben.

Der Hitler-Stalin-Pakt hatte Polen in zwei Einflusssphären geteilt. Die Sowjetunion gab anschließend den Anspruch auf den polnischen Osten nie auf. Dies führte zur Westverschiebung Polens 1945. Die Westalliierten waren dabei über die Zahl der Betroffenen durchaus informiert und seien keineswegs über den Tisch gezogen worden. Der Widerstand der polnischen Exilregierung in London war vergeblich. Auch um den Widerstand gegen die Anerkennung der Curzon-Linie, die der heutigen Ostgrenze Polens entspricht, zu brechen, habe die Sowjetunion in Polen dann eine kommunistische Regierung aufgebaut.

Die Repatriierung der Ostpolen sollte theoretisch freiwillig verlaufen, erfolgte jedoch faktisch unter Zwang. Nachdem sie unter dem Sowjetregime gelitten hatten, dazu dem Terror ukrainischer Nationalisten ausgesetzt waren und den Bürgerkrieg zwischen Ukrainern und Sowjets erlebt hatten, wollten die Polen auswandern.

Flucht und Vertreibung der Deutschen verliefen desto chaotischer, je näher zum Kriegsende hin sie erfolgte. Eser teilte ihre Geschichte in drei Phasen ein.

Die erste Phase umfasste Evakuierung und Flucht 1944/45. Eröffnet wurde sie durch das Fanal des Dorfes Nemmersdorf, in dem sowjetische Soldaten Gräueltaten verübten, die von der deutschen Propaganda ausgeschlachtet wurden. Die Rolle der NS-Organe war in dieser Phase zwiespältig: Teils veranlassten sie die Evakuierung, teils verboten sie sie.

Bei der Untersuchung der Vertreibungen sei stets zu fragen, ob Gewalt eingesetzt wurde, um eine Flucht zu veranlassen. Andererseits gab es aber auch viele Beispiele für Bemühungen der Sowjets, Gewalt einzudämmen. Auf der Flucht eingeholte Deutsche wurden umgehend an ihren Heimatort zurückgeschickt, weil die Sowjetarmee über keinen organisierten Versorgungsapparat verfügte und daher aus dem besetzten Land leben musste. Um die Armee ernähren zu können, musste dieses Land jedoch besiedelt und produktiv sein. Die Vorstellung einer einheitlichen Westwanderung der Deutschen aus den Ostgebieten erweist sich insofern als überholt. Tatsächlich war es ein verwirrendes Hin und Her von Bevölkerungsteilen. Viele Schlesier etwa flohen zunächst nach Süden und kehrten nach dem Krieg zurück.

Die Vertreibungen nach Kriegsende bis ins Jahr 1946 stellten die zweite Phase dar. Sie war gekennzeichnet von einer Verschärfung der Lebensbedingungen, um eine freiwillige Abwanderung herbeizuführen. Hierfür wurden dann Passierscheine ausgestellt. Konkret bestanden die Repressionen gegen die deutsche Bevölkerung in einer Arbeitspflicht, einer schlechteren Bezahlung und kleineren Lebensmittelrationen. Deutsche mussten ferner ein „N“ als Kennzeichnung tragen. Regionale Initiativen widersetzten sich diesen Maßnahmen bisweilen.

Die Zwangsaussiedlung zwischen 1946 und 1949 bildete eine dritte Phase. Jetzt war die Massenaussiedlung organisiert. Pendelzüge wurden bereit gestellt, Vorschriften, z.B. über die Menge des mitzuführenden Gepäcks, den Umgang mit Schwangeren und Kranken sowie das Zusammenbleiben der Familien erlassen. Schließlich erfolgte sogar eine Desinfektion der Betroffenen mit DDT-Pulver. Ab 1947 wurden diese Regeln konsequenter eingehalten.

Polen erhob von vornherein Anspruch auf polnisch besiedelte Gebiete des Deutschen Reiches. Nach den Erfahrungen der Zwischenkriegszeit, in der die Deutschen in Polen als fünfte Kolonne des Reiches agiert hätten und der großzügige Minderheitenschutz des Versailler Vertrages gescheitert war, sowie nach den Erfahrungen aus der deutschen Besatzungszeit hielt man ein Zusammenleben mit Deutschen nicht mehr für möglich. Die Westalliierten schließlich stimmten der Aussiedlung der Deutschen zu, weil sie zum einen das Bündnis mit der Sowjetunion fortsetzen wollten und zum anderen die ethnische Trennung von Griechen und Türken in der Ägäis 1921 als Erfolgsmodell galt.

Der Minderheitenschutz der Zwischenkriegszeit war seit den dreißiger Jahren zunehmend außer Kraft gesetzt worden, auch weil die Demokratie als Staatsform allerorten auf dem Rückzug war. Eine Ausnahme bildete das zwischen Deutschland und Polen geteilte Oberschlesien. Hier war er sehr genau definiert worden und funktionierte. Nach den Kriegserfahrungen galt indes auch dies wenig. Für Polen waren die deutschen Ostgebiete „wiedergewonnene Gebiete“. In ihnen stellte sich zunächst das Problem grassierender Rechtlosigkeit. Leerstehende Häuser von Deutschen wurden auch deshalb sofort wieder besetzt, um Plünderungen und Zerstörungen zu verhindern.

 

Dr. Stephanie Zloch stellte in ihrem Vortrag über „Neubeginn und Auseinandersetzung mit Flucht, Vertreibung und Umsiedlung“ dann die bundesrepublikanische Perspektive ins Zentrum ihrer Ausführungen. Sie betonte zunächst die Unterschiedlichkeit einerseits der Migrationsschicksale selbst, andererseits aber auch der Integrationsprozesse sowie der damit verbundenen Identitätskonstruktionen. Die Betroffenen hätten sich von Anfang an als Vertriebene bezeichnet und damit auf ihrem Recht auf die alte Heimat bestanden. Zugleich formierten sie sich weniger individuell denn als ethnisch-kulturelle Kollektive in Form der Landsmannschaften. Dem entsprach an den Schulen der fünfziger und sechziger Jahre die sogenannte Ostkunde als Förderung der Erhaltung „ostdeutscher“ kultureller Identität. In der Gesellschaft der Bundesrepublik führte die Umsiedlung von Millionen Deutschen zu einer Aufweichung der bis dahin deutlich geschiedenen Milieus, z.B. konfessioneller Art. Migration war insofern eine dynamische, gesellschaftsverändernde Kraft. Die Integration der Neubürger gelang im Wesentlichen durch das Wirtschaftswachstum der Bundesrepublik. Der Lastenausgleich war eine eher symbolische Anerkennung, anstelle einer tatsächlichen Entschädigung wurde Sozialfürsorge gewährt.

In der DDR hingegen galt die Bodenreform als oberstes gesellschaftspolitisches Ziel. Den Vertriebenen wurde wegen ihres Schicksals keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Hier erfolgte die Integration über den Aufbau der Schwerindustrie. Umgekehrt wurde der Bundesrepublik für den Umgang mit Flucht und Vertreibung ein „Revanchismus“-Vorwurf gemacht. Unter den „Republikflüchtigen“ waren die Vertriebenen überdurchschnittlich stark vertreten.

In den „wiedergewonnenen Gebieten“ Polens war der Neubeginn nach 1945 von den Umsiedlungen der polnischen Bevölkerung aus den polnischen Ostgebieten, aber auch aus Zentralpolen und der UdSSR geprägt. Bis 1989 eignete man sich deren Geschichte nur selektiv an. Das Herder-Haus in Morungen etwa wurde frühzeitig wieder aufgebaut, während andere Überreste der deutschen Geschichte verschwanden. Probleme gab es mit den sogenannten „Autochthonen“, denjenigen Polen im Ermland und Masuren, die dort bereits zuvor als Reichsbürger gelebt hatten. Sie verhielten sich nicht wie erwartet, waren keine Sozialisten und fielen durch ihren Dialekt auf. Erst nach 1990 wurde die ganze Geschichte dieser Gebiete im Sinne einer vielfältigen Verschränkung und Überlagerung wechselnder kultureller Einflüsse wiederentdeckt.

Die Rezeptionsgeschichte von Flucht und Vertreibung in der Bundesrepublik war längere Zeit von einer „Vertreibung der Vertriebenen“ aus der Erinnerung geprägt gewesen. In den achtziger Jahren hingegen ging man dazu über, im Zeichen der Selbstakzeptanz der Bundesrepublik ihre gelungene Integration zu beschwören. Erst in den neunziger Jahren wurde das Schicksal der Vertriebenen wieder thematisiert und die Rezeption der 2000er Jahre war von den Problemen ihrer Integration, den damit verbundenen Konflikten und ihrer Diskriminierung geprägt. Aktuell steht um die historische Kontextualisierung der Vertreibungen im Rahmen eines größeren Kontextes von Zwangsmigrationen als Gegenstand einer Gewaltgeschichte im Zentrum: Die Geschichte der Vertriebenenverbände wird historisiert, die Debatten in Deutschland, Polen und Tschechien miteinander verflochten. Auch die jüdische Geschichte im deutschen Osten wird zunehmend erschlossen.

Anschließend führte Frau Zloch die Rezeptionsgeschichte eindrucksvoll auf der Grundlage von Geschichtskarten in Schulbüchern vor. Waren in diesen in vergangenen Jahrzehnten häufig Geschichtskarten zu finden, die ein Bündel von Pfeilen von Ost nach West verzeichneten und damit einseitig die Zwangsmigration der Deutschen veranschaulichten, so zeigen neuere Karten ein Gewirr von Migrationsvorgängen verschiedener Gruppen in verschiedene Richtungen. Dabei ist der Maßstab auf das gesamte Ostmitteleuropa erweitert. Sie zeigen einen Kontinent in Bewegung.

In Polen ist die Geschichte der Zwangsmigration seit den 1990er Jahren quasi aus dem Nichts des von den Kommunisten verordneten Schweigens zu einem der meistbehandelten historischen Themen aufgestiegen. Dabei stehen drei Narrative im Vordergrund: das Potsdamer Abkommen, die Rolle der Roten Armee und die Haltung der polnischen Zivilbevölkerung. Erklärungsansatz für die Umsiedlungen sei die Schaffung ethnisch-nationaler Homogenität. Die Zwangsmigrationen von Deutschen, Polen, Ukrainern und Balten werden gemeinsam behandelt. Ausdrücklich wird nun auch der Umgang mit den „Autochthonen“ behandelt. Ihre Diskriminierung habe zu einer verstärkten Abwanderung in die Bundesrepublik geführt, wo sie indes wiederum als Polen behandelt wurden.

Die russische Rezeption der Zwangsmigration hat einen vergleichsweise hohen Grad der Differenziertheit noch nicht erreicht.

 

Erster Programmpunkt nach der Mittagspause war wiederum die Preisverleihung der Henning-v.-Burgsdorff-Stiftung, die der Ehrenvorsitzende Dr. Martin Stupperich als Vorsitzender des Stiftungskuratoriums vornahm. Er konnte in diesem Jahr vier eingereichte Unterrichtsprojekte auszeichnen. Einen ersten Preis erhielt Martin Krol (Gymnasium Nordhorn) für ein Projekt mit dem Titel „Grenzgeschichten – Erfahrungen mit Krieg, Faschismus und den Folgen im Grenzbereich der Grafschaft Bentheim“, das in einer Buchpublikation mündete. Diese versammelt die Ergebnisse von Facharbeiten über die unterschiedlichen Erfahrungen von Deutschen und Niederländern, die auf der Grundlage von Archiv- und Quellenstudien sowie Zeitzeugenbefragungen entstanden sind. Ebenfalls mit einem ersten Preis wurde das Stolperstein-Projekt von Vera Grafe (Gymnasium Stolzenau) ausgezeichnet. Es war fächerübergreifend angelegt und band viele außerschulische Lernorte in die Arbeit ein. Erinnerungskulturelle Öffentlichkeitsarbeit war eine ebenso wichtige Erfahrung. Die Ergebnisse sind ebenfalls in einer Publikation niedergelegt. Kontakt zu den in den USA lebenden Nachkommen ehemaliger jüdischer Stolzenauer wurde ebenfalls hergestellt. Beide im Rahmen eines Seminarfaches entstandene Projekte machen deutlich, wie Seminarfachunterricht gelingen kann, sofern Lehrkraft und Lerngruppe mit Engagement an einem Strang ziehen.

Einen zweiten Preis erkannte die Jury Anke Hoffmann und Johannes Möller (Liebfrauenschule Oldenburg) zu. Beide hatten zum wiederholten Mal ein Musical-Projekt auf die Beine gestellt. Diesmal ging es um das Thema „Swing Kids“. Die musisch-künstlerische Aneignung und Aufbereitung des komplexen Themas zum Widerstand im „Dritten Reich“ wurde ebenfalls fächerübergreifend, naturgemäß unter großer Beteiligung der musischen Fächer, realisiert.

Astrid Taleghani (Otto-Hahn-Gymnasium Gifhorn) wurde für ihr im Rahmen einer Projektwoche konzipiertes Projekt zur Region Gifhorn/Wolfsburg im Zweiten Weltkrieg ein dritter Preis zuerkannt. Das umsichtig geplante, abwechslungsreiche Programm fand in großen Teilen an außerschulischen Lernorten, vor allem im VW-Werk in Wolfsburg, statt. Seinen Abschluss fand es in der Gestaltung von Gedenkstättenkonzepten.

 

Der Vortrag von Professor Dr. Herfried Münkler (Berlin) war dann unbestritten das rhetorische Highlight der Tagung. „Mythen im Selbstverständnis der Deutschen“ – um die Relevanz des Themas herauszuarbeiten, bedurfte es einiger Vorüberlegungen. Heute hätten sich die Deutschen von ihren Mythen weitgehend verabschiedet. Hermann der Cherusker etwa oder der Kyffhäuser sei heute nur noch touristische Attraktionen ohne bindende Kraft, insofern nur noch Orte der Dekonstruktion, nicht mehr der symbolischen Vergesellschaftung. Was sei an ihre Stelle getreten? Leben wir in einer mythenfreien Gesellschaft? Dieser Gedanke wäre gefährlich. Der Gründungsmythos Europas indes sei schwach geworden; es seien aber Mythen, die Projekten einen langen Atem verschafften. Bereits im antiken Griechenland entstehe die Tragödie zu einer Zeit, als der Logos den Mythos ablöse. Der Mythos sei somit just zu der Zeit auf die Bühne gebracht worden, in der sich die axiomatische Deduktion in der Philosophie durchgesetzt habe. Es begann die Arbeit am Mythos. Das Theater am Vorabend der Volksversammlung sei das Propädeutikum für die politischen Entscheidungen des folgenden Tages gewesen. Der Gegensatz von Mythos und Aufklärung sei eine andere Konfiguration des Problems, erschöpfe sich darin aber nicht. Horkheimer/Adorno hätten Odysseus im Mythos als Agenten der Aufklärung dargestellt.

Auf den Mythos bezogen laute der Deutsche Sonderweg, dass die Deutschen nicht wahrhaben wollten, dass Mythen für sie von Bedeutung sind. Im Gegensatz dazu sei in Frankreich der Sturm auf die Bastille die Erzählung des urbanen, säkularen Teils, während Jeanne d’Arc der Mythos des ländlichen, katholischen Frankreich sei, an den sich aktuell Marine Le Pen anlehne.

Bedeutende deutsche Arbeiter am Mythos seien Richard Wagner (Nibelungen) und Heinrich Heine (Barbarossa) gewesen. Das Nibelungenlied sei die deutsche Antwort auf die Französische Revolution gewesen. Aufgrund des fehlenden Nationalstaats sei den Intellektuellen in Deutschland eine größere Bedeutung und größerer Einfluss zugekommen. Die Literatur habe die fehlende Nation kompensieren müssen. Besondere Virulenz habe der Nibelungenmythos zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhalten. Die von Reichskanzler von Bülow verkündete deutsch-österreichische Nibelungentreue, mythisch betrachtet ein schwerer Fehlgriff, da man mit ihr den Untergang des Nibelungenheeres konnotiere, habe den Mythos uminterpretiert, indem ihr ein Siegversprechen eingeschrieben gewesen sei. Die Dolchstoßlegende habe die mythische Analogie dann am Ende des Ersten Weltkrieges fortgesetzt, den Speer Hagens nur durch den Dolch ersetzt. Der ursprüngliche Inhalt des Mythos sei damit wieder zum Tragen gekommen. Aufgabe der Nachkriegszeit sei es dann gewesen, „das zerbrochene Schwert neu zu schmieden“. Die Militarisierung der Gesellschaft, die Identifikation von Heer und Heimat, Reichsarbeits- und Wehrdienst – alles habe in diesem Zeichen gelesen werden können. Noch im Januar 1943 bemühte Hermann Göring die Analogie zum Mythos, indem er die Verlierer von Stalingrad sowohl mit den 300 Spartanern an den Thermopylen als auch mit dem burgundischen Heer in Etzels Burg, also als heroische Kämpfer gegen eine Übermacht von Feinden, verglich.

Der Barbarossa-Mythos von der Wiederkunft des Kaisers und des Reiches mit seiner komplexen Überlieferungsgeschichte erwachte nach 1806 wieder zum Leben, teils romantisierend (Friedrich Rückert), teils ironisierend (Heinrich Heine). 1871 hatte dann der preußische Adler die Raben um den Kyffhäuser vertrieben (vgl. das Bildprogramm der Goslarer Kaiserpfalz). Wilhelm I. erhielt den Beinamen Barbablanca. Heine hingegen hatte den Mythos so erzählt, dass Barbarossa seinen Soldaten so viel Sold schulde, dass sie nicht aufwachen dürften. 1941 gab Hitler dem Überfall auf die Sowjetunion den Namen „Unternehmen Barbarossa“ und habe sich damit als großer Mythenpfleger erwiesen. Münkler brachte dies mit der Sybel-Ficker-Kontroverse um die staufische Italienpolitik in Verbindung. Hitler habe dem Mythos ein Schnippchen geschlagen, indem er nach Barbarossa benannt habe, was faktisch in der Tradition Heinrichs des Löwen geschah.

Die DDR habe eine Trias von Mythen geführt: den Bauernkrieg als Vorläufer der eigenen Identität, die preußisch-russische Waffenbrüderschaft der Befreiungskriege (Konvention von Tauroggen) sowie den antifaschistischen Widerstand. Indes seien diese Mythen zu Dogmen umerzählt worden und hätten daher nicht mehr die Vorzüge des Mythos besessen. Mit dem Ende der DDR habe dann der Wohlstandsmythos der Bundesrepublik gesiegt. Er stütze sich im Wesentlichen auf die Erzählungen von „Währungsreform“ und „Wirtschaftswunder“ als Transformation der „Wunderwaffe“ des Kriegsendes. Das Ritterkreuz als größte Auszeichnung im Nationalsozialismus könne man im „Wunder von Bern“ sowie im Mercedesstern in zivilen Versionen wiederfinden. Und der VW Käfer sei die ästhetische Adaption des friedlichen Deutschlands gewesen, der die harten Kanten des Wehrmachts-Kübelwagens abrundete.

Mythen seien gekennzeichnet von narrativer Varianz, ikonischer Verdichtung und ritueller Inszenierung. Ihre Funktionen seien die Komplexitätsreduktion, das Wegerzählen von Kontingenz und die Stiftung von Identität und Zukunftsvertrauen.

 

Johannes Heinßen

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