NGLV ab 2022 4 zu 3

Sommertagung des NGLV in Celle, 25.8.2026, Tagungsbericht

Residenzmuseum Celle

Bei herrlichem Wetter fand am 25.8.2026 die Sommertagung des NGLV in der Celler Residenz statt. Dort hatte das Residenzmuseum seine Türen für die Geschichtslehrkräfte geöffnet und 106 von ihnen trafen sich zu einem intensiven Fortbildungstag. In dessen Zentrum stand das neue Semesterthema 12.1: Die Große Pest und die Folgen. Erster Referent des Vormittags war der dem Verband seit Jahren verbundene Direktor des Göttinger Instituts für Historische Landesforschung, Professor Dr. Arnd Reitemeier. In seinem Vortrag ordnete er die Große Pest der Jahre 1348-1352 in den weiteren historischen Kontext des späten Mittelalters ein.
Reitemeier stieg mit einem Zitat aus dem bekannten Pestbericht der Rahmenerzählung von Boccaccios Dekameron ein, das den völligen Zerfall der sozialen Bande in Florenz schildert. So, wie der Pestverlauf darin geschildert werde, sei es in Norddeutschland nicht gewesen und im Folgenden skizzierte er Voraussetzungen, Verlauf und Folgen in unserer Region. Zum einen sei die Pest hier erst ein Jahr später, 1349/50 erschienen, zum anderen sei die soziale Ordnung nicht zusammengebrochen, auch wenn die Quellen von einem großen Sterben berichten würden. Zeitgenössische Begriffe seien mortalitas magna, pestis magna oder pestilentia maxima gewesen. Besser sei insofern die Bezeichnung „Schrecklicher Tod“.
In Norddeutschland sei die Mortalitätsrate aber deutlich niedriger gewesen als in Genua oder Florenz, wo 70–80% der Bewohner gestorben seien. Die Pest verschwand zwar in der zweiten Hälfte der 1350er-Jahre wieder; doch die periodischen epidemischen Wellen blieben bis ins 18. Jahrhundert regelmäßige Begleiter des Lebens. Ihre Abfolge erwies sich als ökonomisch und kulturell wichtiger als das Ereignis von 1348–1352. Indes handelte es sich bei diesen Wellen nicht mehr ausschließlich um die von dem Erreger Yersinia Pestis hervorgerufene Krankheit, sondern vermutlich auch um Ruhr oder virale Infekte, etwa durch Grippeerreger.
Die gesteigerte Mortalität beruhte nicht nur auf medizinischen Gründen, sondern fußte auf Entwicklungen, die bereits lange vor der Großen Pest begonnen hatten.
Politisch gewannen in Deutschland die Fürsten seit Anfang des 13. Jahrhunderts zulasten Oberwasser, weil sie die Staufer zunehmend Richtung Italien orientierten. Die Tendenz zur Dezentralisierung sollte sich nach 1348 noch verstärken.
Das explosionsartige Bevölkerungswachstum des Hochmittelalters hatte Europas Landschaft verändert. Die landwirtschaftlichen Flächen waren auf ein Maximum ausgeweitet, Waldflächen hingegen auf ein Minimum zurückgegangen. Auch die Städte wuchsen und mit ihnen die Produktion, der überregionale Handel, der Konsum und die Vernetzung der Regionen. Dies geschah auf der Grundlage verstärkter Erschließung naturaler Ressourcen, unter anderem durch technische Innovationen wie die Wassermühlen, die nun flächendeckend verbreitet waren.
Vor 1250 hatte eine hohe Einstrahlung der Sonne zur Erwärmung der Erde und der Gewässer geführt. Ab 1250 setzte dann die Kleine Eiszeit ein. Die Intensität der Sonneneinstrahlung nahm ab, unter anderem durch den großen Vulkanausbruch des Mount Salamas in Indonesien 1257. Die Meerestemperatur reduzierte sich um 2,2°C. Es kam zu Wetteranomalien und Missernten. Der Ackerbau in den Höhen der Mittelgebirge und der Alpen wurde unmöglich. Hier begann im 13. Jahrhundert die intensive Viehwirtschaft (für die beispielhaft die Milka-Kuh steht). Für die Magdalenenflut im Juli 1342, eine gut untersuchte großräumige Überschwemmung in Europa auf der Grundlage einer V b-Wetterlage, ist ein Niederschlag von 170 l/m² rekonstruiert worden.
Diese verschlechterten Bedingungen bildeten die Voraussetzung für die Große Pest. Nahrungsmangel und Unterernährung schwächten die Menschen, auch weil Transportwege unterbrochen waren. Die Kälte ließ sie Wollkleidung tragen, die ein hervorragendes Habitat für Flöhe und Läuse bildete. Gemeinsam mit der sozialen Enge, z. B. dem Schlafen in gemeinsamen Betten, erleichterten diese Faktoren dem Pestbakterium, das nach neueren Erkenntnissen nicht durch Ratten, sondern ausschließlich durch Menschenflöhe und Läuse übertragen wurde, seine Ausbreitung.
Außerhalb seiner Wirte sterbe das Bakterium bei hohen Temperaturen, könne aber bei feuchtem, nicht warmem Raumklima bis zu fünf Tage überleben. Weil es 1349 in Deutschland vergleichsweise warm war, habe sich die Mortalität in Grenzen gehalten, zumal der Fernhandel eingeschränkt gewesen sei. Die Epidemie habe die Menschen in die Gottesdienste getrieben, die dagegen ein ideales Szenario für die Übertragung der Pest waren. Ähnliches galt für das Zusammenströmen der Menschen, um Geißler zu sehen. Deren erfolgreiches Verbot durch die Bulle Papst Clemens VI. 1349 führte dazu, dass dieser Faktor ab 1350 weitgehend erledigt war. Der antijüdische Vorwurf der Brunnenvergiftung wurde in Norddeutschland vergleichsweise selten erhoben.
Die demographischen Erschütterungen führten zu extremen Verwerfungen der Wirtschaft. Zunächst gab es ein Getreideüberangebot, weil die Ernte 1349 noch eingebracht worden war, aber auf weniger Nachfrage stieß. Danach gab es jedoch nicht mehr genügend Menschen, die den Ackerbau noch betreiben konnten, und es kam folglich zu einer Angebotsverknappung und einem entsprechenden Preisanstieg. Die Preise schwankten daher extrem und langfristig kam es zu einer Abnahme der Nahrungsproduktion.
Wilhelm Abels These von einer Agrardepression sei zwar nicht falsch, heute aber auch nicht mehr richtig. Es seien weitere Faktoren und Rahmenbedingungen mit einzubeziehen, die sich seit 1250 änderten. So müssten die Anzahl der Arbeitskräfte und die Effektivität der Arbeitskraft berücksichtigt werden. Nach 1348 wurden im Bereich der Mittelgebirge und in anderen Ungunstlagen Siedlungen in hoher Zahl aufgegeben und zu Wüstungen. Diese seien praktisch überall noch in Feldnamen nachweisbar. Das heißt aber nicht, dass deren Bewohner gestorben seien. Für Einzelne galt das wohl, doch klimatische und agrarwirtschaftliche Veränderungen veranlassten die Bewohner, in tiefergelegene Ortschaften und Städte abzuwandern. Diese konnten die entstandenen Bevölkerungsverluste auf diese Weise schnell ausgleichen. Wüstung heißt daher in erster Linie: Hier fand kein Getreideanbau mehr statt. Oftmals wurden die Gemarkungen zu Hutewald oder Weide umgewandelt. Die Viehwirtschaft nahm daher in dieser Zeit zu. Der Handel diente dazu, die in den Regionen stattfindende Spezialisierung auszugleichen. Ein Beispiel dafür ist der aus Dänemark durch Norddeutschland führende Ochsenweg. Mit der Pest endete der Weinanbau in Norddeutschland, der allmählich klimatisch unmöglich worden war. An seine Stelle in seiner Eigenschaft und Funktion als gereinigtes Wasser trat das Bier.
Infolge der Bevölkerungsabnahme und dem damit einhergehenden Mangel an Arbeitskräften verteuerte sich infolge des Angebotsmangels die Arbeitskraft. Die Grundherren und Territorialherrscher setzten Maximallöhne fest, konnten jedoch so nicht den Wettbewerb zwischen Arbeitgebern und die damit einhergehende Lohnsteigerung eindämmen. Wer gut war, ging dahin, wo er am meisten verdienen konnte. Die Fürsten setzten den Abwanderern nach und erbaten die Hilfe der Städte. So ist der heutige Personalausweis eine administrative Erfindung des Mittelalters, denn nun wurden fürstliche und städtische Register eingerichtet, die den legalen Status des Einwohners bzw. seine rechtliche Zugehörigkeit nachwiesen. Seit der demographischen Krise der Großen Pest war das Reisen eine Frage der korrekten Papiere.
Auch die Gutsherrschaft veränderte sich in Norddeutschland. Die Grundherren konnten einen Großteil ihres Landes nicht mehr verpachten. Der Anstieg der Preise infolge der demographisch bedingten Preisinflation ließ die Einnahmen des Grundherrn erodieren, Pächter konnten im Falle von Missernten ihre Pachten nicht bezahlen. Es fiel ferner schwer, Bauern am Weggang zu hindern. So mussten die Grundherren überlegen, wie sie die Bauern halten konnten. In Nord- und Nordwestdeutschland leitete dies den Übergang zur Erbpacht ein: Der Pächter konnte gegen eine Pachtzahlung das Land quasi wie Eigentum bewirtschaften und auch vererben. In Mittel- und Ostdeutschland überwogen dagegen weiterhin große Güter, während es in Süd- und Südwestdeutschland zur Realteilung der verpachteten Flächen kam, die dadurch immer kleiner wurden. So ging die persönliche Abhängigkeit der Bevölkerung zurück, während die ökonomische Abhängigkeit wuchs. Missernten führten zahlreiche Bauern, insbesondere in den Gebieten der Realteilung, ans Existenzminimum, denn die aufgehäuften Schulden konnten nicht zurückgezahlt werden. Sie waren gezwungen, Feldränder sowie die Allmende zu beackern, nutzen die Waldweiden und fischten in den angrenzenden Gewässern. Als die Grundherren begannen, diese Praxis einzuschränken, kam es zu Beginn des 16. Jahrhunderts zum Bauernkrieg.
Im Gegensatz zu den sinkenden Preisen für Agrarprodukte und der finanziellen Not der Landwirtschaft erlebten die Städte eine Blüte. Handwerkliche Produkte wurden teurer; wer es geschafft hat, in die Stadt umzusiedeln, dort ein Handwerk erlernt hatte und zu einer Zunft zugelassen worden war, hatte Glück. Die Bauern dagegen gerieten in die Preisfalle. Diese Konstellation erfasste nicht nur die kleinen Leute und die Fürsten, sondern die gesamte Bevölkerung. Die zuvor in den Klöstern praktizierte Grangienwirtschaft, eine Art klösterlicher Grundherrschaft, die viele Arbeitshände brauchte, brach zusammen; alle Zisterzienserklöster verarmten im späten Mittelalter.
So wurde es immer wichtiger, einen Überblick über die Zahlen zu behalten. Die Fürsten hielten zunächst an ihrer Repräsentationskultur fest und waren bereit, sich dafür zu verschulden. Sie nahmen dafür Kredite der Städte und des Adels in Anspruch, denen sie im Gegenzug Rechte abtraten. Die Fürsten selbst konnten nicht bankrottgehen, weil die Stände für ihre Schulden hafteten.  Sie gerieten damit jedoch im Verlauf des 14. Jahrhunderts in immer größere Abhängigkeit vom niedrigen Adel, der wiederum im 15. Jahrhundert die Ausgaben des Fürsten mit Hofordnungen einzuhegen versuchte. Als Kreditgeber bestand er darüber hinaus darauf, dass die Fürsten qualifiziertes Personal zur fiskalischen Verwaltung einsetzten. Es wuchs die Einsicht, dass Krieg und Ritterdasein nur zu Schulden führten, Buchhalter hingegen Geld einbrachten. Zusammen mit Juristen erfassten die Fürsten die Schulden nun systematisch und konnten somit ihr Geld konsequent eintreiben. Bodenschätze, Wälder, Mühlen waren nun Geldeinnahmen, die der Fürst am Ende dieser Entwicklung im 16. Jahrhundert systematisch anzapfte. So stabilisierten die Fürsten wiederum ihre Oberherrschaft gegenüber dem niederen Adel. Auch die Gründung von Universitäten, aus denen das qualifizierte Personal hervorging, kann in diesem Kontext gesehen werden. Der Fürst konnte nun aus dem Land leben.
Die wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Transformationen führten, so Reitemeier, dazu, dass die politische Geschichte zu Unrecht übersehen werde. Ohne den selbstbewussten Fürsten seien die Macht der Habsburger, der heutige Föderalismus, ja sogar Luther und die Reformation nicht denkbar. Das Reich als Ordnungsmechanismus sorgte für Ausgleich und Ordnung in einer Welt, in der komplexe soziale Entwicklungen zur Zusammenarbeit zwangen.
In dem Gespräch, das sich an den Vortrag anschloss, wurden noch etliche Aspekte angesprochen, so z. B. die im Spätmittelalter zunehmende Sorge um das Seelenheil. Dieses konnte man auf verschiedene Weise gewinnen, insbesondere durch die regelmäßige und konsequente Memoria der Nachlebenden, die die Seele des Toten durch Gebete, Fürbitten oder Wallfahrten aus dem Fegefeuer retten konnten. Es dominierte eine quantitative Vorstellung: Je mehr Buße und Gebet, desto besser für den Toten. Entsprechend stieg die Verweilzeit im Fegefeuer im Laufe der Zeit von zwei auf bis zu 10.000 Jahre am Ende des Mittelalters. Bis ins 17. Jahrhundert wurden Wallfahrten flächendeckend praktiziert, zumal auch viel mehr Wallfahrtsorte als heute vorhanden waren. Das Luthertum war auch 1600 in etlichen Regionen Norddeutschlands noch nicht verstanden. Weniger aussagekräftig für die religiöse Bewältigung der Pest seien die Totentanzdarstellungen. Sie gehörten eher in das Feld der Ständelehren und seien, z. B. in Lübeck, ein Spezifikum der ökonomisch-intellektuellen Elite gewesen.
Geißler habe es schon vor 1348 gegeben. Diese Frömmigkeitsbewegung sei also nicht als Reaktion auf die Pest entstanden. Die Bewegung war eine besondere Ausprägung der imitatio Christi, die bereits im hohen Mittelalter begonnen habe. Neu an ihr war die Mobilisierung der Massen. In Norddeutschland seien Geißler nicht aktenkundig geworden.
Im Rahmen der Pestjahre waren in Norddeutschland Zweifel an kirchlichen Autoritäten nicht zu erkennen. Es gibt keine Hinweise, dass man sich von der Kirche als Kirche abgewandt habe. Gott wurde nicht infrage gestellt.

Als besonderen Service hatte Professor Reitemeier einen Quellenreader mitgebracht, den er in einem Workshop am Nachmittag den Teilnehmenden vorstellte.

  • Q 1 thematisiert die katastrophale Naturereignisse und ihre Folgen. Sie sind auch anhand der im Netz durchsuchbaren deutschen Inschriften gut dokumentiert. Er wies auch auf die Dante-Anomalie (Trockenheit der Dreißigerjahre) hin. Klimaforschungen seien im Internet gut dokumentiert.
  • Q 2 und 3 spiegeln die Judenpogrome wider. Es handelte sich um lokale Ereignisse, die zum Teil spontan, aber andererseits unter den Augen der weltlichen und geistlichen Autoritäten stattfanden. Den Tätern ging es um ökonomische Vorteile. Aber auch die Fürsten suchten die Pogrome für sich zu nutzen.
  • Q 4 zielt auf das Arbeitsrecht und damit verbundene Mobilitätseinschränkungen ab: Maximallöhne wurden bei Einschränkung der Mobilität gewährt. Deutlich wird hier, wie sich ökonomische und soziale Probleme schnell entfalteten.
  • Q 7 demonstriert den demographischen Wandel: Siedler wurden nun gesucht.
  • Q 8 zeigt eine Fehde zwischen Mölln und Lübeck, die sich gegenseitig Bauern wegnehmen.
  • Q 9 ist ein Weistum. Weistümer sind Rechtsordnungen, die die Dorfbewohner selbst für sich gefunden haben. Man kann an ihnen nachvollziehen, wie eine Dorfgemeinschaft wächst und sich entwickelt. Die darin enthaltenen Normen nehmen Bezug auf den Alltag in den Dörfern, z. B. die Bedeutung des Waldes für die Dorfgemeinde.
  • Bei Q 11 handelt es sich um die verbreitetste Schrift zu Ursachen und Schutz vor der Pest. Ihre Beobachtungen sind richtig, die Erklärung jedoch völlig anders als heute.
  • Die Testamente der Zeit legen die religiöse Tendenz der Zeit frei: Jeder, der in irgendeiner Weise Fürbitte für den Verstorbenen leisten konnte, wurde darin bedacht. Ferner gewähren sie Einsicht in die gesellschaftlichen Hierarchien des Mittelalters.
  • Den Alltag des späten Mittelalters spiegelt die Egoperspektive Hermann von Weinsbergs, eines Kölner Advokaten, wider (Q 15); Ähnliches gilt für das Diarium des Joachim Brandis (1528–1609), der das Pesterleben innerhalb seines riesigen Netzwerkes schildert (Q 16).

Den Reader, die Präsentation zum Vortrag sowie weitere Hinweise zu den Quellen, die Herr Reitemeier zum Workshop vorbereitet hatte, finden Sie HIER.

Auch das neue Viertsemesterthema „Epochenbilder in der Geschichte“, das in Richtung auf Mittelalterbilder konkretisiert worden ist, kann im Zusammenhang mit dem Thema „Große Pest“ gesehen werden. Daher war die Oldenburger Mittelalterhistorikerin Professorin Dr. Almut Höfert für den zweiten Vortrag des Vormittags angefragt worden und referierte zum Thema „Epochenbilder vom Mittelalter und die Analyse popkultureller mediävalistischer Werke“. Sie stellte zunächst Beispiele heutiger populärer Mittelalterrezeption vor, wie sie in TV-Serien, Filmen und Computerspielen vorliegen. Konkret nannte sie die italienisch-britische TV-Serie „Die Medici“ (2016), das Computerspiel „Assassin’s Creed“, aber auch den historischen Spielfilm „Die Pest in Florenz“ von 1919 (bei Youtube abrufbar).
Der Begriff der Authentizität bezeichnet heute nicht mehr unbedingt die Übereinstimmung mit der historischen Wirklichkeit. Vielmehr beschreibt er die Vorstellungen und Erwartungen der Menschen, die Museen besuchen oder sich mit weiteren Darstellungen von Geschichte beschäftigen. Authentisch erscheint also das, was wir als typisch und charakteristisch für das Mittelalter ansehen. Authentizitätsfiktionen würden durch Experten hergestellt, die als Autoritäten für Eigentlichkeit akzeptiert würden. Dass es mit historischer Wahrheit nicht so einfach sei, habe spätestens der cultural turn erkannt.
Frau Höfert unternahm dann einen Durchgang durch die Geschichtswissenschaft, in dem sie den Historismus des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von der Wirtschafts- und Sozialgeschichte in der Tradition der französischen Annales-Schule unterschied, die schließlich von der Neuen Kulturgeschichte abgelöst worden sei, mit der sich die Erkenntnis, dass es verschiedene historische Wahrheiten gibt, endgültig durchgesetzt habe. Dabei kritisierte sie, dass die im Zeitalter des Historismus gesetzten Schwerpunkte und Kategorien vielfach bis heute Authentizität bis in die Schulbücher hinein verbürgten und konstituierten, während das Dekonstruktionswerk der Neuen Kulturgeschichte hier einen schweren Stand habe. Dies gelte auch für den Begriff Mittelalter, eine Erfindung der Humanisten, die die Antike wiederentdeckt hatten. Petrarca etwa hielt seine Gegenwart, gemessen an der Antike, für düster. Bis heute sei die Idee vom „finsteren Mittelalter“ nicht aus der Welt zu bekommen. Eine Wende zur positiveren Bewertung des Mittelalters begann im 18. Jahrhundert mit Johann Jakob Bodmer (1697-1783), dem Entdecker des Nibelungenliedes. Für ihn war das Mittelalter nicht mehr dunkel, während Voltaire in seinem Essai sur les mœurs noch am Bild eines barbarischen, ungebildeten und unfreien Mittelalters festhielt. Die Erweiterung der Ästhetik um Düsteres und Erhabenes im Schauerroman (Gothic novel ab 1764), aber auch Goethes Aufsatz Von deutscher Baukunst von 1773 besetzten das Mittelalter ebenfalls positiv. Insgesamt konkurrierten somit im 19. Jahrhundert in den Erzählungen von Aufklärung und Romantik zwei gegensätzliche Vorstellungen vom Mittelalter. Eine besondere Bedeutung gewann in der historischen Forschung die Stauferzeit. 25% aller Aufsätze der Historischen Zeitschrift waren ihr im Zeitraum von 1856-1977 gewidmet. Ab 1819 edierte die MGH Quellen des Mittelalters. Neoromanik und Neogotik wurden zu verbreiteten historistischen Stilen. In den Bauwerken wurde auf diese Weise ein Authentizitätsspeicher nationaler Staatlichkeit konstruiert. Erst im 19. Jahrhundert wurde das Mittelalter weiß, wie Frau Höfert am Beispiel der präraphaelitischen Frauengestalt mit weißer Haut und langen, offenen Haaren zeigte. Historisch akkurat wären freilich andere Bilder. Der Begriff des Mediävalismus bezeichne die Rezeption, Interpretation und Rekonstruktion von Mittelalterbildern in der Zeit danach. Während die Mediävistik die Epoche des Mittelalters erforsche, widmen sich Mediävalismus-Forschungen der Rezeptionsgeschichte des Mittelalters. Die Unterlagen zum Vortrag von Frau Höfert finden sie HIER.

Neben dem oben skizzierten Quellenworkshop von Professor Reitemeier ermöglichte das Nachmittagsprogramm den Teilnehmenden zum einen eine Schlossführung im Residenzmuseum, zum anderen eine Lehrkräfteführung durch die Dauerausstellung „Herrschaft und Landschaft“.
Zur Einführung erläuterten Michelle Bappert und Adrian Schwinge das museumspädagogische Programm von Bomann- und Residenzmuseum. Das Residenzmuseum ist eine Abteilung des Bomann-Museums, das in Größe und Relevanz als viertes Landesmuseum neben Hannover, Braunschweig und Oldenburg angesehen werden kann. 1892 als „Vaterländisches Museum“ gegründet, verfolgte das Bomann-Museum zunächst das Konzept eines auf die traditionelle, völkische Lebensweise ausgerichteten Heimatmuseums. Seit 2013 ist die Ausstellung umgestaltet und thematisiert anthropologische Grundbegriffe in ihrer Veränderung. Sie will damit dazu anregen, kritisch mit Themen der Gegenwart umzugehen. Sieben Ausstellungen widmen sich der Ur- und Frühgeschichte, dem Leben auf dem Land, dem städtischen Bürgertum, dem Bildungsbürgertum, der Veränderung der Arbeitswelten, dem Thema Mensch und Natur sowie Migrationsbewegungen. Neben den üblichen Vitrinen sind dort auch ganze Lebenswelten nachgebildet. Eine museumspädagogische Werkstatt rundet das Angebot ab. Für die schulische Zwecke kann steht eine große Vielfalt an Formaten zur Verfüfung. Sie dauern ca. 60-180 Minuten und können in den Unterricht eingebunden werden. Ihr Reiz besteht darin, dass die Schüler Dinge selbst ausprobieren und anfassen können. Das Angebot wendet sich an Lerngruppen von der Grundschule bis zum 13. Jahrgang.
Das gegenwärtige Konzept des Residenzmuseums geht auf das Jahr 2005 zurück. Die Schlossräume der Residenz können mit und ohne Führung besichtigt werden. Auch hier gibt es viele Gelegenheiten zum Mitmachen und Selbsterfahren (z. B. durch historische Kostüme). Die Themen der Ausstellung nehmen ihren Ausgang von der Baugeschichte und den Bewohnern der Residenz, den Herzogen von Braunschweig-Lüneburg. So werden die welfische Herrschaft und das Bauwerk verschränkt. Seit 2021 ist die Ausstellung Herrschaft und Landschaft. Macht und  Teilhabe im dritten Obergeschoss hinzugetreten. Sie präsentiert auf eine moderne Weise zentrale Parameter demokratischer Partizipation in reduzierter Form und verknüpft dabei, ausgehend von historischen Fallbeispielen, konsequent historisches Szenario mit aktuellen Erscheinungsformen. Auf diese Weise vermag sie beispielhaft die Bedeutung historischer Bildung auch für das Verständnis heutiger demokratischer Institutionen aufzuzeigen. Das räumlich großzügige Arrangement eignet sich für Lerngruppen verschiedener Lernalter. Ein großer Raum für Unterrichtsvorhaben steht darüber hinaus zur Verfügung.

Johannes Heinßen, Christina Kakridi

 

 

Programm:

9.30-10.00 Uhr
Ankunft, Kaffee

10.00-10.15 Uhr
Begrüßung

10.15–11.30 Uhr
Professor Dr. Arnd Reitemeier (Göttingen),
Grundzüge der Geschichte des späten Mittelalters
(Semesterthema 12.1 Die Große Pest, ab 2028)

11.45–13.00 Uhr
Professorin Dr. Almut Höfert (Oldenburg)
Epochenbilder vom Mittelalter
(Semesterthema 13.2, ab 2028)

13.00–14.15 Uhr
Mittagspause

14.15–15.45 Uhr:
Vorstellung der museumspädagogischen Angebote im Residenzmuseum

Parallele Workshops
1) Quellen zum Spätmittelalter (Professor Reitemeier)
2) Schlossführung und Residenzmuseum
3) Die neue Dauerausstellung „Herrschaft und Landschaft“ im Residenzmuseum