Fachtag Geschichte 2022 (2)

Die Gesellschaft der Weimarer Republik. Fachtag Geschichte in Hannover – Tagungsbericht

Mit dem ersten Fachtag Geschichte fand zu Beginn des Schuljahres 2022/23 in Hannover erstmals ein neues Tagungsformat statt, das es in anderen Fächern bereits seit einiger Zeit gibt: Die Veranstaltung der Leibniz Education School richtete sich gezielt an Lehrkräfte der gymnasialen Oberstufe, indem sie sich ganz auf das neue Semesterthema 13.1, Zwischen Krise und Modernisierung. Die Gesellschaft der Weimarer Republik konzentrierte. Das Verdienst ihres Zustandekommens gebührt insbesondere unserem Kollegen Ralf Werner, der als Fachreferent Geschichte an der LSE beharrlich über einen längeren Zeitraum an der – pandemiebedingt verzögerten – Organisation gearbeitet hatte und mit Unterstützung von NLQ und NGLV namhafte Expertinnen und Experte als Beiträger gewonnen hatte. Mit über 150 Teilnehmenden und zusätzlich noch einer Warteliste war die Tagung schon vor dem Beginn ein voller Erfolg, zumal auch Hotelübernachtungen preiswert zu buchen waren. Der Tagungsort, der Lichthof des Universitätsgebäudes am Welfengarten, bot ein großzügiges, stimmungsvolles Ambiente, das vorzügliche Catering tat ein Übriges.

Das Thema Weimar war lange Jahre aus den Oberstufenlehrplänen verschwunden. Dafür gab es gute Gründe: Die Berliner Republik der Jahre nach 1990 hatte von der Nabelschau ihrer Bonner Vorgängerin zunächst absehen können: Das Bemühen der frühen Bundesrepublik, aus den Fehlern Weimars zu lernen und einen besseren, dauerhaften Staat zu errichten, indem sie die Lehren des Jahres 1933 bzw. des Weges dahin zu ziehen suchte, schien erfolgreich abgeschlossen, die Demokratie gemeinsam mit dem Sieg der westlichen Freiheitsidee in Europa ungefährdet. Dies hat sich bekanntlich durch das Aufkommen des Rechtspopulismus und anderer neuer Baustellen der Demokratie in den letzten Jahren geändert, sodass es allein aus politischer wie didaktischer Sicht sinnvoll erschien, das Thema einmal wieder aufzurufen. Indes – das wurde schnell deutlich – hat die unterrichtliche Rezeption nun einen erheblichen Nachholbedarf, denn die Forschung ist gegenüber den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts inzwischen merklich vorangeschritten.
Dies zu skizzieren war die Aufgabe von Professor Dr. Benjamin Ziemann (Sheffield), dem ersten Referenten, der zugleich Mitherausgeber eines neuen, 2021 bei der WBG erschienenen Handbuchs ist, das die Erträge der jüngeren Forschung versammelt und wohl am ehesten geeignet ist, die Unterrichtenden auf den neuesten Stand zu bringen.
Ziemann setzte bei den bekannten Großnarrativen von Hans Mommsen, Heinrich August Winkler und Detlev Peukert an. Mommsen sah die Ursache des Scheiterns der Republik vor allem im Versagen des deutschen Bildungsbürgertums; Winkler dagegen erblickte in der Unfähigkeit zum Klassenkompromiss – das Stinnes-Legien-Abkommen sei nach und nach von den Arbeitgebern ausgehöhlt worden – den entscheidenden Grund. Detlev Peukerts genialischer Wurf von 1987 hingegen erkannte in Weimar „Krisenjahre der Klassischen Moderne“, sah also die Republik als Ort und Opfer prinzipiell transnationaler Tendenzen, die in ihrer fatalen Ballung zum Niedergang führten. So dominierten bei ihm Überlegungen zur Rationalisierung und Optimierung. Alle drei Darstellungen sahen das Deutschland der Zwischenkriegszeit vor allem als Industriestaat an, Peukert ließ aber immerhin das Sonderwegsparadigma hinter sich. Diese drei Darstellungen repräsentieren ungefähr den in die Unterrichtswerke eingegangenen Forschungsstand.
Die Forschungserträge der letzten 30 Jahre fasste Ziemann in drei Tendenzen zusammen: Die Geschichte der Weimarer Republik wird erstens heutzutage nicht mehr als Geschichte des Scheiterns gesehen. Peter Fritzsche stellte 1996 erstmals die Frage: „Did Weimar fail?“. Viele neuere Forschungen haben ein optimistischeres Bild Weimars gezeichnet, auch und gerade vor dem Hintergrund, dass der Krisenbegriff unter Zeitgenossen weniger pessimistisch als optimistisch gedeutet wurde (Rüdiger Graf).
Zweitens sei die vordergründige Opposition zwischen einer „schlechten Politik“, der eine blühende „gute Kultur“ gegenübergestanden habe, verkürzt und daher abzulehnen.
Die klassische Politikgeschichte der handelnden Staatsmänner und politischen Lager, die um die Durchsetzung ihrer (ökonomischen) Machtinteressen ringen, sei drittens durch das Konzept der politischen Kulturgeschichte erweitert worden. Dies habe zu neuen Fragestellungen geführt. Politik werde seither stärker im Hinblick auf ihre performativen Facetten untersucht und die symbolische Repräsentation stärker in den Fokus gerückt. Sie werde insofern heute mehr als Kampf um Anerkennung als um Macht angesehen; die Ausdrucksseite sei mindestens so wichtig wie die Inhaltsseite. Das rücke etwa bis dato vernachlässigte Themen wie den „Flaggenstreit“ stärker in den Fokus und verleihe ihnen mehr Bedeutung.
Ausgehend von diesem letzten Punkt entfaltete Ziemann dann einige Themenfelder beispielhaft, um Erträge, die aus diesen neuen Fragestellungen hervorgegangen sind, vorzuführen. Dabei widmete er sich zunächst dem vielzitierten Diktum von der „Republik ohne Republikaner“, das Ernst Troeltsch bereits 1919 geprägt hatte. Diesem vorschnellen Schlagwort stellte er die Fülle prorepublikanischen Engagements gegenüber. Was die symbolischen Formen anbelangt, lohnt es sich, einen Blick auf das Wirken des Reichskunstwartes Edwin Redslob zu werfen, der im Innenministerium die ästhetische Seite des republikanischen Zeremoniells verantwortete und auszugestalten suchte. Anlässlich des Verfassungstages kam es durchaus zu verfassungspatriotischen Bekundungen. Und schließlich bildete das lange unterschätzte Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold das republikanische, an Mitgliedern zudem stärkere Gegengewicht zum heute viel bekannteren Stahlhelm. Auch das Reichsbanner war eine Organisation von Weltkriegsteilnehmern, pflegte aber ein sozialistisch-antimilitaristisches Programm, das vor den Gefahren des Krieges warnte und der Gefallenen in diesem Sinne gedachte.
Auch der Aufstieg der NSDAP ist in den letzten Jahren neu bewertet worden. Insbesondere die Wahlforschung hat hier wichtige Ergebnisse beigesteuert. Galt die NSDAP bisher als Krisengewinner der Weltwirtschaftskrise und Verfechterin der effektivsten Form moderner Propaganda, so wird heute der Erfolg der Massenveranstaltungen viel geringer eingeschätzt. Auch die Rolle der politischen Gewalt in der Endphase wurde bisher wohl überschätzt, denn die Opferzahlen waren in den Anfangsjahren bis 1921 viel höher als in der Endphase. Die übliche Figur des „immer mehr“ bzw. des Aufschaukelns sei nicht zutreffend. Vielmehr habe es einen symbolischen Kampf um die Hoheit auf den Straßen gegeben, der nur in Ausnahmefällen in schwerer körperlicher Gewalt geendet habe. Dabei sei das Reichsbanner Gegner und Opfer der SA gewesen. Arbeitslose hätten allerdings vor allem die KPD gewählt. Der Aufstieg der NSDAP habe sich dagegen vor allem auf dem Land und in Kleinstädten vollzogen und er habe auch bereits früher, in den „ruhigen“ Jahren der Republik eingesetzt. Beispielhaft stehe hierfür der „Winzersturm von Bernkastell“ auf das örtliche Finanzamt im Februar 1926. Verantwortlich dafür sei das Eindringen der Nationalsozialisten in lokale Netzwerke, z. B. die Stammtische, gewesen, in denen Multiplikatoren erfolgreich waren. Bei der Analyse der politischen Willensbildung in Deutschland müsse die Bedeutung lokaler (provinzieller) Milieus und Netzwerke insgesamt stärker berücksichtigt werden. Weniger die Weltwirtschaftskrise ab 1929 als die ihr vorgelagerte Agrarkrise infolge des Verfalls der Weltmarktpreise ab 1927 habe dabei eine wesentliche Rahmenbedingung geboten und für eine Mobilisierung des Agrarsektors zugunsten der Nationalsozialisten gesorgt. Damit verbunden war ein Abrücken von der traditionellen Honoratiorenstruktur. Entsprechend höher als in den Städten und Industriegebieten war der Anteil nationalsozialistischer Wähler in den agrarisch-ländlichen Regionen des Reiches. Aus diesem Blickwinkel konnte Ziemann dem – im Unterricht traditionell dekonstruierten – Begriff der „Machtergreifung“ zur Beschreibung des Aufstieges des NS zur politischen Herrschaft durchaus einiges abgewinnen: Eine rein legalistische Argumentation reiche aufgrund der gesellschaftlichen Mobilisierung von unten nicht aus.
Als politische Wendepunkte vor 1933 identifizierte Ziemann die Einführung des Frauenwahlrechts 1919. Es zeitigte indes insofern paradoxe Folgen, als die Frauen insgesamt konservativer wählten als die Männer: Deutschland wäre 1919 eine sozialistische Republik geworden, hätten nur die Männer gewählt. Der Rätebewegung hingegen maß er keine große Bedeutung zu. Sie war kein Vehikel der Transformation, da es angesichts der Mehrheitsverhältnisse – auch in den Räten selbst – keine Neuordnungsdebatte gab, sondern auch die Räte für die Kontinuität der staatlichen Einrichtungen votierten. Dort, wo sie in der Frühphase der Republik diktatorisch regierten, requirierten sie Agrarerzeugnisse und ließen in der Bauernschaft rasch antidemokratisches Sentiment entstehen. Während bisher die Demission des Kabinetts Müller im März 1930 als Wendepunkt zum Niedergang galt, werde heute die Rolle der Splitterparteien in den Jahren 1924-1928 stärker in den Blick genommen. Sie gewannen als soziökonomische Vertreter von Partikularinteressen an Zulauf. Auch gelte Brüning nicht mehr als der Totengräber der Demokratie, da er sich regelmäßig um Kooperation mit der SPD bemüht habe. Erst Papen habe dann ab 1932, etwa im „Preußenschlag“, den Parlamentarismus gezielt zerstört und den Weg in den autoritären Staat konsequent beschritten.
Die Weimarer Kultur schließlich müsse in ihrer Breite gesehen werden. Die „Goldenen Zwanziger“, eine anachronistische Bezeichnung, seien kein passender Begriff. Wo heute nur die kulturelle Avantgarde der klassischen Moderne gesehen werde, würden Bestseller wie „Volk ohne Raum“ von Hans Grimm oder triviale Kriegsromane, unter denen Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“ eine Ausnahme darstelle, übersehen. Das Kulturschaffen Weimars weise auch hässliche, oft triviale Seiten auf.
Der deutsche Sonderweg, lange Jahre Leitparadigma der großen Darstellungen zur deutschen Geschichte, ist von außen her seit rund vier Jahrzehnten massiv infrage gestellt worden. Ziemann erinnerte daran, dass ein „Sonder“weg eben umgekehrt auch eines „Normal“weges bedürfte. Der sei indes kaum zu entdecken: Zu unterschiedlich seien die Entwicklungen in den einzelnen Staaten. Mehr noch, das implizit als „normal“ angesehene Modell einer Westminster-Demokratie sei seinerseits vielmehr ein Sonderweg. Verfolgenswert bleibe aber die Frage: Was hatten die Deutschen eigentlich gegen die Juden, dass der Antisemitismus so katastrophale Folgen zeitigte?

Der folgende Vortrag des Hannoveraner Historikers PD Dr. Jonathan Voges widmete sich einem transnationalen Thema: „Weimar und die Welt – Krise und Modernisierung der internationalen Beziehungen. Der Völkerbund“. Voges wandte sich gegen das Standardnarrativ vom Versagen dieser ersten multinationalen Organisation. Hier hat die jüngere Forschung ebenfalls die Leistungen und Potenziale stärker in den Vordergrund gerückt. Voges machte deutlich, dass mit dem Ersten Weltkrieg die bislang regionalen zu internationalen Konflikten geworden seien. Erste Aufgabe des Völkerbundes sei daher die Absicherung der postimperialen Welt gewesen, etwa die Verwaltung der ehemaligen deutschen Kolonien durch Völkerbundmandate. Der Völkerbund habe eine neue Global-Government-Struktur gesucht und die internationale Kooperation gefördert. Auch hier habe sich die Forschung von der teleologischen Erzählung ab- und der Auslotung von Handlungsoptionen und der Betonung der Offenheit von Entscheidungssituationen zugewandt. Die mit dem Völkerbund verbundenen Hoffnungen zeigte er anhand einer Bildpostkarte auf, die die Entwicklung von den Schützengräben des Krieges zu einer zukünftigen Friedensordnung, symbolisiert durch die Stadt Jerusalem, suggerierte. Sie steht beispielhaft für die großen Hoffnungen der Epoche in die Zukunft. Voges kritisierte insofern die nationale Ausrichtung des Weimar-Moduls als zu eng und plädierte für eine transnationale Einbettung der Weimarer Geschichte, auch wenn die Weimarer Republik, verglichen mit dem Kaiserreich, in vieler Hinsicht, z. B. der Migration, deglobalisiert war.
Im politischen Wirken Gustav Stresemanns erblickte Voges vor allem eine formale Modernisierung. Auch wenn das Ziel des Revisionismus des Versailler Vertragswerks unverändert blieb, habe sich die deutsche Strategie geändert, nicht zuletzt dank des informellen Austausches im und im Umfeld des Völkerbundes. Die deutsche Rezeption des Völkerbundes sei indes meist feindlich gewesen und mit dem Ziel erfolgt, ihn zu diskreditieren.
Als das Palais des Nations in Genf 1935 eröffnet wurde, hatte der Völkerbund schon an Bedeutung eingebüßt. Die Dreißigerjahre waren von einer Rückkehr zu bilateralen Abkommen gekennzeichnet. Dennoch habe es bis dahin neben konkreten Konfliktlösungen, z. B. auf dem Balkan, durchaus viel utopisches Potenzial gegeben, von dem manches in die Vereinten Nationen als Nachfolgeorganisation übernommen worden sei.

Da die Tagung zweitägig war und der Abend zur Verfügung stand, hatten sich die Organisatoren etwas Besonderes ausgedacht: Aus der Deutschen Kinemathek in Berlin waren Dr. Rainer Rother, Kristina Jaspers und Karin Herbst-Messlinger mit einem Querschnitt durch das Filmschaffen der Weimarer Zeit angereist. Sie gaben somit einen Ein- und Überblick über das massenkulturelle Leitmedium der Epoche. Die meisten der Filme sind heute verloren, da die Filmrollen zur Rohstoffgewinnung recycelt wurden. Anhand jeweils kurzer Filmsequenzen zeigten sie außergewöhnliche Möglichkeitsräume der Zeit (Gendercrossing, Homosexualität) auf. Den expressionistischen Film interpretierten sie als Traumaverarbeitung des Ersten Weltkrieges. Die Neue Sachlichkeit thematisierte Alltagssituationen und Arbeitswelten. In diesen Filmen kamen auch Laienschauspieler zum Einsatz.

Den Höhepunkt des zweiten Veranstaltungstages bildete der Vortrag von Professor Dr. Meik Zülsdorf-Kersting, der als Nachfolger von Michele Barricelli den Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik an der Universität Hannover übernommen hat. Zülsdorf-Kersting unterzog das Weimar-Wahlmodul einer Kritik aus geschichtsdidaktischer Sicht, ging aber weit darüber hinaus und entwickelte umfassende Monita gegen die Lehrplangrundlage des Geschichtsunterrichts, wobei die EPA Geschichte im Zentrum seiner Kritik standen.
Er erkannte an, dass das Modulsystem des niedersächsischen Kerncurriculums bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal sei. Allerdings vernachlässige das KC die Logik historischen Denkens. Bezogen auf das Wahlmodul 6 vermisste er die im Rahmenthema und im Kernmodul insinuierte Identitätsreflexion. Auch fehle es an Theorien zur Beschreibung und Erklärung von Identitätsentwürfen. Und schließlich würde die geltende Kompetenzsystematik die Operationen historischen Denkens nicht hinreichend erfassen. Zum Vergleich stellte der Referent eine übersichtliche Systematik vor, in der er zunächst historische Fragen, die Darstellung von Sachverhalten (empirische Triftigkeit), Sachurteile (theoretische Triftigkeit), Werturteile (normative Triftigkeit) und historisches Erzählen (narrative Triftigkeit) unterschied. An alle fünf Ebenen könnten die beiden Grundmodi der Rekonstruktion/Synthese und der Dekonstruktion/Analyse (vgl. KC) herangetragen werden. Dieses auf vielen geschichtsdidaktischen Modellen aufbauende Konsensmodell sei in den Operatoren der EPA nicht repräsentiert. So fehle etwa die Ebene der historischen Darstellung im AFB III komplett. Insgesamt nähmen die EPA keine hinreichende Stufung der historischen Denkleistungen vor. Die narrative Kompetenz, Oberbegriff im niedersächsischen KC, setze zwingend einen Gegenwartsbezug voraus, der aber in der gängigen Klausurenpraxis ebenso wenig eingefordert werde wie in den Definitionen der Operatoren. Insgesamt kritisierte er somit die EPA-Dominanz im Geschichtsunterricht als nicht zielführend und regte hier mittelfristig Änderungen an, um die narrative Kompetenz beim Wort zu nehmen und stärker einzufordern.

Zwei Workshopbänder, in denen die Referentinnen und Referenten zum Teil konkrete Unterrichtsmaterialien präsentierten, ergänzten das Programm des Freitags: Jan Storre stellte Materialien zum britischen Blick auf Weimar, vorzugsweise für den bilingualen Unterricht, vor. Friedrich Huneke widmete sich der Frage, inwieweit Albert Einstein ein Repräsentant der Weimarer Republik war. Johannes Heinßen suchte nach Wegen, die Beschäftigung mit Weimar in Übereinstimmung mit BNE und Demokratieerlass zu bringen. Heidi Martini thematisierte den Film in der Weimarer Republik und der Marburger Historiker Professor Dr. Ulrich Sieg sprach zu seinem Publikum über die Konservative Revolution. Nachmittags widmete sich Susanne Herholt der Musik von Hanns Eisler, Celine Lehmann gab Anregungen, wie man dem Thema Weimar auch in der Kunstausstellung des Sprengel-Museums nachgehen könne. Wiederum Ulrich Sieg berichtete von den ideologischen Grundlagen Putins, dem konservativen Philosophen Ivan Iljin, und Axel Ehlers präsentierte Materialien zum Flaggenstreit im Spiegel politischer Karikaturen.

Die Veranstaltungsbeiträge waren imstande, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer recht umfassend in den aktuellen Forschungsstand einzuführen. Es bleibt indes die Frage, wie die disparaten, perspektivisch maximal individualisierten Forschungserträge der letzten Jahrzehnte sinnvoll in eine didaktische Planung eingesetzt werden können. Hier besteht die Gefahr, dass die alten Sonderwegserzählungen, da suggestiver, womöglich im Unterricht deutlich mehr Beharrungsvermögen aufweisen werden, als man es im Überschwang der Tagungseindrücke erhoffen möchte. Der bunte Strauß kulturgeschichtlicher Zugriffe führt nicht auf eine neue, alternative und lernfreundliche Großnarration hin. Das lässt bereits das vielfach besprochene Weimar-Handbuch erkennen, dessen originelle Sondierungen schwerlich als Gesamtdarstellung gelesen werden können. Einen Mittelweg könnte die Orientierung der Unterrichtsplanungen an Peukert darstellen, der um einige kulturgeschichtliche Themen erweitert werden sollte, die die einseitige Konzentration auf Rationalisierungs- und Optimierungsphänomene der Moderne durchbrechen.

Johannes Heinßen

Das Tagungsprogramm entnehmen Sie dem Veranstaltungsflyer. Die Teilnahme war für niedersächsische Geschichtslehrkräfte kostenlos.

Programm

Donnerstag, der 1. September 2022

15.00 Uhr Begrüßung

15.30 Uhr Vortrag I
„Die Weimarer Republik. Ergebnisse der Forschung und Perspektiven für den Unterricht“
Prof. Dr. Benjamin Ziemann, Universität Sheffield

17.00 Uhr Pause

17.30 Uhr Vortrag II
„Weimar und die Welt – Krise und Modernisierung der internationalen Beziehungen. Der Völkerbund“
PD Dr. Jonathan Voges, Leibniz Universität Hannover

18.30 Uhr Pause

20.00 Uhr Abendveranstaltung
„Zwischen Experiment und Unterhaltung – ein Potpourri des Weimarer Films“
Dr. Rainer Rother, Deutsche Kinemathek Berlin

Freitag, der 2. September 2022

09.00 Uhr Workshops

10.30 Uhr Pause

11.00 Uhr Vortrag
„Weimar und die Wurzeln deutscher Idenität – geschichtsdidaktische Reflexionen bei der Lektüre von Kernmodul und Wahlmodul 6“
Prof. Dr. Meik Zülsdorf-Kersting, Leibniz Universität Hannover

12.30 Uhr Pause

14.30 Uhr Workshops

16.00 Uhr Abschluss

Workshop-Themen (Auswahl)
• Umkämpfte Symbole – der Flaggenstreit im Spiegel politischer Karikaturen der Weimarer Republik
• Albert Einstein – eine Leitfigur der Weimarer Republik?
• Weimar und der Film
• Don’t let us be beastly to the Germans. – Der britische Blick auf die Weimarer Republik
• Die Bedeutung Russlands für die Konservative Revolution
• Das Thema Weimar im Lichte von BNE und Demokratieerlass